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SchauspielMai 2026

Was der Schauspieler weiß

Wer führt, kommuniziert ständig — auch wenn er schweigt. Schauspieltraining interessiert genau das: nicht was gesagt wird, sondern was dabei wirklich übertragen wird. Manchmal braucht es einen Umweg über die Bühne, um etwas zu sehen, das man längst ahnte.

Es gibt einen Moment im Workshop, den ich jedes Mal abwarte. Jemand spricht denselben Satz zweimal. Einmal mit dem Ziel, den anderen zu beschuldigen. Einmal mit dem Ziel, verstanden zu werden. Die Worte sind identisch. Der Unterschied ist sofort zu spüren.

Schauspieler nennen das Subtext. Das, was mit den Worten eigentlich gesagt wird. Kommunikationspsychologen haben dafür Modelle entwickelt — aber auf der Bühne war es schon immer bekannt. Jede Szene hat eine Oberfläche und eine Verhandlung darunter. Was wird hier wirklich besprochen?

Das ist keine akademische Frage. Sie entscheidet darüber, ob jemand zuhört oder nur hört. Ob eine Führungskraft Vertrauen erzeugt oder Misstrauen — oft ohne es zu merken.

Schauspieler wissen: Es gibt immer ein Ziel, wenn man mit jemandem kommuniziert. Immer. Die Frage ist nur, ob man sich dessen bewusst ist — und ob dieses Ziel mit dem eigenen Gesamtziel, den eigenen Werten, im Einklang steht. Wirkung entsteht nicht durch Formulierungen. Sie entsteht durch Haltung. Und Haltung ist das, was ein Gegenüber zwischen den Zeilen liest — bevor ein einziges Argument ausgesprochen ist.

Dabei stößt man irgendwann auf etwas Merkwürdiges: Je mehr man sich um eine bestimmte Wirkung bemüht, desto weniger entsteht sie. Wer versucht, Vertrauen zu erzeugen, erzeugt oft genau das Gegenteil. Was bleibt, ist eine einfachere, unbequemere Aufgabe — beim eigenen Impuls anfangen. Zuhören, was man selbst eigentlich will. Und dann loslassen.

„Wirkung entsteht nicht durch Formulierungen. Sie entsteht durch Haltung."

Marco Valero

Marco Valero